Das Märchen vom Autofahrer

Kennen Sie "den Autofahrer"? Ist das vielleicht der Herr aus der Werbung, der mit einem flotten Flitzer seine Angebetete über eine einsame Landstraße spazieren fährt? Oder ist es der arme Looser, der täglich in Charlottenburg-Wilmersdorf im Stau steht und selten einen Parkplatz findet? Autofahrer haben kaum Gemeinsamkeiten - obwohl man uns das gerne erzählt. Zu den Autofahrern gehören berufspendelnde Autobesitzer genauso wie die Schulbringmami im SUV und der gelegentliche Carsharer. Der angeberische PS-Protz zählt genauso zur Gruppe der Autofahrer, wie der Nachbar, der seinen Fuhrpark inklusive Wohnmobil und Anhänger in unserem Kiez abstellt. Gehören eigentlich nur diejenigen zur Gruppe der Autofahrer, welche sich trauen, in der Stadt zu fahren oder auch Führerscheininhaber, die das Autofahren in der Stadt als zu gefährlich einschätzen? Ich kenne allein drei Führerscheininhaber in meiner eigenen Familie, die sich nicht mehr in den Berliner Stadtverkehr wagen. Das vierte Familienmitglied weigert sich sogar, den Führerschein überhaupt zu beantragen. Und wie sieht es aus mit Dauerparkern? Sind das überhaupt Autofahrer?

Kennen Sie "den Radfahrer" oder "den Fußgänger"? Da gibt es genauso viele Varianten wie bei den Autofahrern. Bei genauem Hinsehen sehen wir, dass die Interessen der Menschen sehr unterschiedlich sind. Der einzige Konsenz ist: Wir alle sind Stadtbewohner oder -besucher, die gerne in einer aufgeräumten Stadt unterwegs sind und das in wechselnden Rollen. Das Wichtigste für unsere Sicherheit ist es, einen guten Überblick zu haben und auch selbst gesehen zu werden. Damit das möglich ist, wird der Platz in der Stadt zweckmäßig aufgeteilt und so dafür gesorgt, dass niemand zu Schaden kommt. Jedenfalls sollte das so sein! In Berlin ist das keine Selbstverständlichkeit.

Eigentlich für die Mobilität von allen benötigte Fahrbahnen werden kostenlos parkenden KFZ zur Verfügung gestellt. Die für unsere Sicherheit unabdingbare freie Sicht wird allerorten zunehmend eingeschränkt. Es ist kein Zufall, dass die Zahl der Unfälle in zugeparkten Stadtteilen besonders hoch ist.

Sollte mal wieder jemand mitleidserregend etwas vom armen, diskriminierten Autofahrer erzählen wollen, dann fragen Sie doch bitte mal nach, wer oder was da eigentlich gemeint ist. Als Autofahrer in Charlottenburg-Wilmersdorf nervt man nämlich nur noch die Menschen, welche hier leben. Man parkt öffentliche Flächen zu oder man steht im Stau. Autos, die sich schneller als Fahrräder bewegen, gibt es hier nicht mehr. Denkende Menschen fahren hier schön länger nicht mehr mit dem Auto. Die Mehrheiten haben sich geändert. Von meinen vielen Nachbarn fahren nur noch wenige mit einem eigenen Fahrzeug. Die autogerechte Stadt ist so tot - toter geht's nicht.