Wo bleiben andere Verkehrsteilnehmer, z.B. Radfahrer und Fußgänger?

Viele von uns haben sich an die Häßlichkeit unseres Straßenbildes, die Gefahr, den Lärm, den Gestank und das ständige Stehen an Bettelampeln mit den viel zu langen Wartezeiten gewöhnt - selbst vor dem Hauptbahnhof! Da muss man tolerant sein, sagen manche. Ich denke, die rote Linie wurde bereits seit langer Zeit überschritten. Es ist Zeit für eine Verkehrswende. Ich zeige Ihnen mit den folgenden Beispielen, wo starker Verbesserungsbedarf besteht.

1. Es gibt in Berlin viele breite und belebte Straßen - wie z.B. die Turmstraße. Hier ist trotzdem kaum Platz -  noch nicht einmal mehr für Autos. Die Gehwege sind z.T. vollgestellt mit Mobiliar der Restaurants. Es gibt dort Gemüsehändler mit ihren Auslagen. Mamas mit ihren Kinderwagen stehen nebeneinander und reden miteinander auf dem Weg.

Auf dem Foto sehen Sie, warum es in der Turmstraße in Berlin viele Radfahrer vorziehen, den Gehweg zu nutzen.
Auf dem Foto sehen Sie, warum es in der Turmstraße in Berlin viele Radfahrer vorziehen, den Gehweg zu nutzen.

KFZ in zweiter Spur findet man hier den ganzen Tag, so dass die Radspuren der Straße nur von geübten und mutigen Radfahrern genutzt werden können. Zusätzlich stehen Falschparker auf den Gehwegen herum.  Radfahrer, welche nicht links an haltenden Bussen vorbeifahren wollen, stressen ein- und aussteigende Fahrgäste. Wie wäre es mit einer Fußgängerzone Turmstraße? Dann haben wir den benötigten Platz. Denken Sie konsequent!

2. Wo die Anzahl der Parkplätze nicht ausreicht, werden weitere Fahrbahnen und Gehwege vernichtet, z.B. für die Schaffung von Schrägparkplätzen. Solche Schrägparkplätze werden auch von langen Fahrzeugen genutzt, so dass der verbleibende Raum zum Vorbeifahren enger wird als eigentlich beabsichtigt. Wenn in Fahrtrichtung hinter den in einer Schrägparkspur stehenden langen Fahrzeugen ein PKW ausparkt, dann wird es gefährlich - insbesondere für Radfahrer, welche leider oft zu weit rechts auf der Fahrbahn fahren. Fahrradfahrer benötigen einen Sicherheitabstand von 1,5m. Mit dem Fahrrad müssen Sie solchen Hindernissen ausweichen, denn Sie wissen nicht, ob dahinter gerade jemand ausparken möchte - der leider auch nichts sieht! So landet ein vorsichtiger Fahrradfahrer an solchen Stellen stets mitten auf der gefährlichen Autospur.

Auf der Siemensstraße in Moabit befinden sich auf der Fahrbahn links von den zugeparkten Fahrradstreifen Schwellen für Autos, über die man auch nicht gerne fährt. Wenn jetzt ein von hinten ankommender schnellerer Fahrradfahrer der Schwelle nach rechts ausweicht, während Sie z.B. den langen Autos ausweichen, dann wird es auch schnell sehr gefährlich. Ich schreibe das hier aus meiner praktischen Erfahrung, denn es ist mir schon passiert.

Die Schrägparkspuren in der Tauroggener Straße in Charlottenburg sehen auf den ersten Blick ganz nett aus - sind sie aber nicht. Wenn sich hier zwei Autos begegnen, dann bremsen beide ab - um anschließend wieder zügig weiterzufahren. Das Verhalten der Autofahrer ist deutlich anders bei entgegenkommenden Fahrradfahrern. Autos machen dann meistens ohne zu bremsen gar keinen Platz. Begegnen sich hier Fahrrad und Auto, so wird erwartet, dass der Fahrradfahrer seinen Sicherheitsabstand aufgibt und rechts ran fährt. Dummerweise sind die in solchen Straßen hinter einem Fahrrad fahrenden KFZ oft auch ungeduldige Drängler. Fahrradfahrer werden also in solchen verengten Straßen versuchen, diese möglichst schnell zu durchfahren. Das ist Anspannung und Stress pur und nichts für schwache Nerven. Wir brauchen uns nicht zu wundern, wenn hier viele Fahrradfahrer aus ihrem ganz normalen Sicherheitsbedürfnis heraus einfach den Gehweg nutzen.

3. Auf dem Foto sehen Sie den Versuch einer Radfahrerin, auf der Windscheidstraße in Charlottenburg irgendwie mit dem Fahrrad am täglichen Stau vorbei zu kommen. Zwei Sekunden später hatte sie einen Unfall, da der Bus losfuhr und sie gegen den Smart prallte. Und jetzt sagen Sie bestimmt: "Na, da hat sie doch selber Schuld!". Ich denke, dass wir einen großen Fehler machen, wenn wir solch einen Unsinn denken und sagen. Für mich stellt sich sofort die Frage, wer hier verantwortlich ist für diese untragbare Verkehrssituation?!

Eltern werden ihren Kindern grundsätzlich verbieten, hier überhaupt mit dem Fahrrad zu fahren. Wollen wir das? Ich nicht. Hier handelt es sich um eine kleine Kiezstraße, die von Autofahrern als Ausweichroute genutzt wird, weil die großen Straßen bereits dicht sind. Es sollten hier eigentlich gar keine Autos fahren. Ein erster, konsequenter Schritt wäre es, in einer Sofortmaßnahme die Straße für den Durchgangsverkehr zu sperren!

4. Auf diesem Foto gibt es eine Spur für Fahrräder. Die Fahrradspur verläuft auf einer Straße mit Schwellen für die Autos (Siemensstraße/Moabit). Um doch etwas schneller fahren zu können und das Auto zu schonen, weichen fast alle Autos den Schwellen so gut es geht aus. Als Radfahrer muss ich regelmäßig für Autos bremsen, die mich schneiden, um selbst noch mal eben schnell der Schwelle auszuweichen. Sowohl Autofahrer als auch Radfahrer werden hiermit nicht glücklich. Schlecht gemacht!

5. Unsere Gehwege sind oft in schlechtem Zustand, verengt und zugestellt, so dass Rollstuhlfahrer auf die Fahrbahn ausweichen müssen. Wir alle werden älter und niemand weiss, ob Sie nicht auch einmal in die Lage geraten, einen Rollstuhl nutzen zu müssen. Die Fairness gebietet es, Wege so zu planen und zu realisieren, dass diese Menschen ein weitgehend eigenständiges Leben führen können und nicht unnötig behindert werden.

6. Bringen Sie Ihre Kinder etwa mit dem Auto zur Schule? Berlin hat nur etwa 200.000 Pendler zu verkraften, die mit dem Auto unterwegs sind, aber darüberhinaus 350.000 Schüler und Schülerinnen. Hätten Ihre Kinder sichere Wege,  um mit ÖPNV, dem Fahrrad und zu Fuß zur Schule zu kommen, dann wären auch viel weniger Autos in der Stadt unterwegs.

Wann haben Ihre Kinder das letzte Mal auf der Straße gespielt? Wahrscheinlich noch nie, denn das geht in Berlin in den meisten Bezirken einfach gar nicht mehr.

FAZIT: Kinder können heute froh sein, wenn Mama und Papa sie auf allen Wegen begleiten.

Und warum das alles? Anwort: Wahrscheinlich, weil der Familien-SUV den benötigten öffentlichen Platz belegt. :-(

7. Auch der Rock'n'Roll Preacher braucht für sein Longboard einen sicheren Weg zum Bäcker, oder soll er dafür etwa seinen Tourbus aus der Garage holen?

Ich kann mich erinnern, dass wir als Kinder gerne mal mit Rollschuhen unterwegs waren. Auf kurzen Strecken sind Inliner und Rollschuhe auch durchaus ein gutes Verkehrsmittel, um sein Ziel zu erreichen -  insbesondere für Kinder. Roller werden ebenfalls wieder öfter gesichtet - sogar mit Elektromotor! Dafür zur Verfügung stehende Gehwege wurden aber weder geplant noch gebaut. Die aktuellen Wege sind allgemein zu schmal und meistens auch gefährliche, schadhafte Rüttel- und Schüttelstrecken.

Unsere Straßen wären sehr gut geeignet, um darauf zu rollen. Aber dort finden wir ja bereits zu allen Tageszeiten fahrende und vor allem stehende KFZ auf viel zu vielen Fahrbahnen. :-(

Siehe auch:

8. Menschen mit Gehhilfen wirken im aktuellen Verkehr bereits völlig verloren. Fußgängerwege werden in Berlin inzwischen auch in Kreuzungsbereichen gerne zugeparkt.  Es bereitet Probleme, zwischen den Autos hindurchzugehen.  Und Ampelphasen sind überall viel zu kurz, so dass sie oft noch lange bei Rot auf der Strasse sind.

Kitagruppen erleben ähnliches. Was halten Sie davon, einfach mal eine Kletterübung über die Falschparker zu veranstalten oder ein Wettrennen über die Strasse? ;-)

Ich würde es begrüßen, wenn sich die Berliner endlich mal entscheiden würden, in den Straßen ordentlich aufzuräumen und die Polizei zu rufen!

9. Velotaxis fahren aktuell nur in Bereichen, in denen sich unsere ca. 500.000 täglichen Touristen herumtreiben. Warum eigentlich? Antwort: Weil es keine guten Wege für weite Strecken in der Stadt gibt!

Fahren Sie mal mit und wünschen Sie sich eine Tour nach Neukölln oder Wedding. Falls die Tour zustande kommt, werden Sie sehen, wie gefährlich und eng es an vielen Stellen in der Stadt ist, weil Autos uns den Platz wegnehmen.

Die Touristenzahlen aus skandinavischen Ländern sind bereits am sinken. Tja, warum auch nach Berlin kommen, wenn es zuhause schöner ist?

Der Tourismus ist eine der Haupteinnahmequellen der Stadt Berlin. Die Touristen tragen aktuell mit mehr als 10 Milliarden Euro pro Jahr zum Berliner Haushalt bei. Sie wollen sich in der Stadt erholen und nutzen vorzugsweise alternative Verkehrsmittel. Unsere Touristen erwarten Sicherheit, atembare Luft und gepflegte Wege für Fußgänger und Radfahrer. Sie erwarten viel Platz zum Flanieren und Verweilen auf Wegen und Plätzen. Sie möchten die vielen Sehenswürdigkeiten und Kultureinrichtungen entspannt besuchen. Sie glauben doch wohl nicht etwa im Ernst, dass Fahrradfahrer auf den Gehwegen zum Urlaubsgenuss beitragen? Noch viel weniger Genuss bereiten die überflüssigen, stinkenden Privatfahrzeuge in der Stadt. Nach diversen Terroranschlägen mit Autos in ganz Europa stehen Autos mehr denn je für eine latent drohende Lebensgefahr. Und wer dieses Jahr das Festival of Lights bzw. Berlin leuchtet unter den Linden besucht hat, der wird dort wohl nie wieder hin wollen! Neben der mangelhaften Sicherheit wurde die großartige Veranstaltung auch erheblich durch den Platzbedarf, den Gestank und den Lärm der dort herumfahrenden Autos gestört!

10. Die Stellen, wo es jeden Tag gefährlich eng für viele Menschen wird, sind leicht an den von der Polizei aufgestellten blauen Fahrrädern zu erkennen!

S-Bahn Beusselstraße
S-Bahn Beusselstraße

Die in der Box befindliche Aufklärung richtet sich an die hier herum stehenden und vorbei radelnden Menschen. Es geht darin um den nicht vorhandenen Raum an der Haltestelle. Die wenigen vorhandenen Quadratmeter Geh- und Fahrradweg sollen sich die Öffinutzer und die Fahrradfahrer gerecht aufteilen und lieb zueinander sein. Die im Stau stehenden Autofahrer vor der Haltestelle müssen diese Aufklärung nicht lesen und dürfen weiterhin unaufgekärt und ungestraft andere Menschen volldröhnen, verdrängen und volldieseln.

 

Wie wäre es, wenn man einfach mal Raum schaffen würde, indem man den vorhandenen Platz großzügig  zu Gunsten von Fußgängern und Radfahrern erweitern würde? Dann gäbe es diese mutwillig von Verkehrsplanern verursachten Engstellen gar nicht.

Ein paar Meter weiter wurde übrigens im letzten Jahr eine Radfahrerin von einem rechts abbiegenden LKW getötet. Mir ist nicht bekannt, dass die Polizei auch die Geisterräder zur Erinnerung an tote Fahrradfahrer pflegt. Warum eigentlich nicht? Die Personensicherheit scheint ihnen doch eine Herzensangelegenheit zu sein?!

Es ist schon eine ziemlich peinliche Aktion, die die Polizei da mit den blauen Fahrrädern betreibt. Warum wird so etwas von Steuergeldern finanziert während das Gedenken an tote Fahrradfahrer (Ghostbikes / Hinweise auf echte Gefahrenstellen) dem ADFC überlassen wird? Das ist keine Aufklärung, sondern eine Verdrängung der wirklichen Gefahr - dem nahezu unkontrollierten, chaotischen Autoverkehr.